PRÊTE-MOI TON GRAIN DE SEL
Soloshow at Droste Gallery, Paris, 2025
Katzen, Kühe, Lavendelblüten, Antennen und Geister
– in Sophie Ullrichs Malereien erscheinen sie wie Motive am Wegrand, die auf einer Reise gesehen und gefunden wurden. Entlang der Strecke vermitteln sie zwischen Einsamkeit und Gemeinschaft, Fremde und Vertrautheit, Ironie und Melancholie. Die Zeit, die die Künstlerin unterwegs, vor allem zuletzt in Frankreich verbrachte, hat Spuren hinterlassen und schließt ihren Kreis in der Pariser Ausstellung Prête-moi ton grain de sel. Natürliche, ländliche Farben und Eindrücke des französischen Alltags und Landlebens durchziehen die Arbeiten. Sie verweben zugleich gesellschaftliche Beobachtungen sowie persönliche Erinnerungen miteinander. Der Titel der Ausstellung Prête-moi ton grain de sel verweist nicht nur auf das französische Sprichwort „mettre son grain de sel“, auf Deutsch etwa wie: „seinen Senf dazugeben“. Er spricht auch von der Ambivalenz zwischen Alleinsein und Austausch. Wenn andere ihr „ihr Salzkorn“ leihen, ist das nicht nur Einmischung, sondern ein Impuls, der die eigene Arbeit fruchtbar macht. Eine Würze, die den Geschmack verändert. Ebenso wertvoll ist die Abgeschiedenheit, das Arbeiten in Stille, wie in der Zeit in Frankreich: allein mit Kühen, Farben und Alltagsgegenständen, die zu Bildmotiven wurden. Auch darin zeigt sich ein Changieren: zwischen dem Bedürfnis nach Rückzug und dem Gewinn, den das Miteinander bringt; zwischen der Suche nach einer eigenen Bildsprache und der Offenheit, sie mit anderen zu teilen. Selbst alltägliche Begleiter auf Reisen – eine Packung Reis und das Zubereiten im Reiskocher oder ein französisches Buch über das Fischen mit einem einsamen Angler auf dem Cover – finden Eingang in die Bilder. So auch ein Cocktailglas mit Kristallrand, Spraydosen, die unvermittelt ins Bild treten, eine Lavendelblüte, die wie eine kleine Flamme oder eine Zigarette aus einer Hand ragt, der kampflustige gestiefelte Kater auf dem linken Bild des Dyptichons, die grüne Fläche auf dem rechten, die Ikone des weiblichen Zyklus auf vier Phasen variiert, eine grellfarbige Buldak-Fertigsuppe oder der Moulinax-Staubsauger zwischen zwei Kühen. Sophie Ullrich richtet ihren Blick auf Motive und Wesen, an denen sich Gewohnheiten, Konventionen und Rituale von Gesellschaften und Individuen ablesen lassen. Detailliert und realistisch gemalt, aus ihrem ursprünglichen Kontext gelöst, kippen sie zwischen Ironie und Ernst, Humor und Skurrilität. In dieser Spannung werden sie zu Zeichen, die zeigen, wie sich Identität und Kultur gerade in Routinen und kleinen Gesten einschreiben. Es sind diese Motive, die einem einst fremden Ort Vertrautheit, Verständnis und ein Gefühl verleihen. Zwischen den Motiven und Figuren entfaltet sich ein Nachdenken über Körper und Vakuum, über Leere und Fülle. Der Körper ist nicht nur dort anwesend, wo er sichtbar ist, sondern gerade dort, wo er fehlt. In dem Bild frisch gebadet (fraîchement baigné), trägt eine grüne Jacke – verlassen oder von einer unsichtbaren Gestalt bewohnt – die Form ihres Trägers weiter. Sie erscheint wie der Beweis eines Geistes, eine Negativform; ein Hohlraum, der Präsenz behauptet. Leere wirkt hier nicht wie Abwesenheit, sondern als Abdruck, in dem sich Spuren einschreiben. Eine Präsenz des Vergangenen, bewacht von einem Auge, beschützt von einer schemenhaft gezeichneten Nacktkatze, die souverän auf den Schultern des Geistes thront. Der Hintergrund in den Malereien ist nicht bloße Kulisse, sondern die raumgebende Instanz, die das Bild hält. Seine Farbigkeit strukturiert die Fläche und verleiht den Motiven Resonanz. Rosa, Lila, Himmelblau, Salbei- und Grasgrün oder tiefes Petrol schaffen Atmosphären, in denen sich ein Changieren von Vorder- und Hintergründigkeit vollzieht. Die Hände, Arme und manchmal Torsi, die in vielen Bildern auftauchen und wahrscheinlich zu Körpern gehören, sind abstrahiert und in ihren Konturen gemalt. Manchmal in heller Farbigkeit, manchmal in Schwarz, gehen sie beinah in den Hintergrund über, wie fast Unsichtbare. Sie wirken wie Vermittler, die Objekte präsentieren, ohne selbst wirklich sichtbar sein zu wollen. Mitunter sind sie rauchende Nebendarsteller und befinden sich doch wie selbstverständlich im Bild. Ihre Gestik ist selbstbehauptend. Wenn sie auftreten, sind stets sie diejenigen, die das Motiv halten und präsentieren, das in realistischer Genauigkeit hervortritt. Sophie Ullrichs Bilder sprechen von Begegnungen mit der Fremde, die auch eine Begegnung mit sich selbst verlangt. Sie handeln davon, Freundschaft mit dem Unbekannten zu schließen, manchmal sogar mit dem Unheimlichen. Sie zeigen Katzen als Beschützerinnen vor Geistern, setzen Vertrauen in die Freundlichkeit von Fremden, und suchen in der Weite ein zu Hause. So verwandelt sich Einsamkeit in eine doppelte Erfahrung: als Leere, die schmerzt, und als Lehre, die trägt. In der Stille kann sie hohl erscheinen, wie der Innenraum eines Körpers, der nicht mehr bewohnt ist. Zugleich wird sie zur Fülle, die Wahrnehmung schärft, Nähe spürbar macht und Begegnungen umso kostbarer erscheinen lässt. Auch darin liegt die Bedeutung des Salzes: Jedes Bild wirkt wie ein Kristall, der sich einschreibt, verstärkt, bewahrt. Ullrichs Arbeiten sprechen von Einsamkeit, die nicht nur Last, sondern auch Möglichkeit ist; von Geistern, die man beschwören oder vertreiben kann. Und von der Offenheit, in Begegnungen, mit Tieren, Menschen oder Dingen, das Eigene zu finden, und sich doch manchmal ein kleines Salzkorn Rat vom Anderen zu leihen.
- Elisa Mosch
There is something delightfully cheeky about Sophie Ullrich's title Prête-moi ton grain de sel (literally Lend me your grain of salt), but also something very linguistic. Indeed, while the French expression “adds its grain of salt,” the German expression adds a grain of mustard. In English, we add two cents. The artist, who is of Swiss origin and often uses all three languages, plays with meanings and interpretations with her characteristic audacity and imagination. Prête-moi ton grain de sel, if we follow the logic, would therefore mean: lend me that little something in you that constantly gives its opinion without being asked and without minding its own business (1). In France, we also take things with a grain of salt, meaning we don't give them too much importance, and then we also have that very particular “grain of madness.” The program promises to beinvigorating and colorful. In this new series of works dominated by pastel tones, mainly almond green and pale pink, Sophie Ullrich plays with space-time and the limits of possibility. In 13 paintings, she recounts a long journey through France, somewhere between melancholy, a sought-after solitude, and a field of lavender where she picked just two sprigs, for the love of detail, for the image of postcards. Within this mix, several traveling companions come together, protagonists of a story that leaves traces of memories as ironic as they are sensitive. Gustave Doré's famous Puss in Boots, illustrating Charles Perrault's tales (L'orage se prépare, 2025), finds himself alongside other cats who are a little more drunk and more contemporary (like in Appeler des fantômes, 2025), while a medieval lady, smoking her cigarette in a carefree and almost sulky manner (Cycle, 2025) rubs shoulders with calves that look like twins (Par monts et par vaux, 2025). This beautiful blend of subtle references and works whose titles always play with words—read them carefully!—is a delightful and unexpected assembly, but not that surprising. Indeed, although all the subjects are different, everything seems connected and logical: that's the magic of the artist's brush, which makes us believe in things that we know are clearly improbable. Her associations, perfectly absurd and borisviantesques (2), always end up landing on their feet thanks to the artist's precise lines and her particularly subtle and skillful talent for imitating textures and materials. From afar, it can sometimes be misleading, as we might think we are looking at a photograph in detail, but this is not the case, and Sophie Ullrich knows how to handle these illusions with a masterful hand. Also, around these objects, each more incredible than the last, yet familiar from our everyday lives, are a few discreet but busy ghosts: white or black lines draw busts, waves, and sometimes just arms and hands, whose bodies are transparent, allowing the pictorial landscape to be seen through them. They are undoubtedly there to support these astonishing objects, without ever stealing the show. One gets the feeling that Sophie Ullrich is poking a little fun at so- called great painting, where such seemingly worthless objects would never have been allowed to appear for a single moment. Laughing at it, yes, but always with finesse and intelligence, as she proves by quoting Doré, as mentioned earlier: this artist, known as a talented draftsman and engraver, did not see his painting recognized for its true value in a century that ranked artistic practices. By restoring Puss in Boots to his rightful place, she herself kicks the buttocks (3) of a few traditions that encourage debate and adds her own two cents, serenely, beautifully, joyfully. Appropriately.
1 In French, the expression is translated by taking care of your own onions.
2 This adjective refers here to the particularly whimsical universe of French author Boris Vian.
3 « Botter les fesses » is a French, slightly vulgar expression, used to threaten or motivate someone forcefully.
- Laure Saffroy-Lepesqueur